Wenn die letzten Sommertage hinter uns liegen, wird es früher dunkel und die Sonne zeigt sich immer seltener. Für manche Menschen bedeutet dieser Wandel mehr als nur kühlere Temperaturen und Pullover, die wieder aus dem Schrank geholt werden. Morgens fällt das Aufstehen schwerer, und der Tag scheint vorbei zu sein, bevor er richtig begonnen hat. Das Bedürfnis nach Schlaf und Essen kann zunehmen, während Energie, Motivation und Leistungsfähigkeit nachlassen.
Manchmal handelt es sich dabei um eine vorübergehende Reaktion auf den Jahreszeitenwechsel. Sind die Beschwerden jedoch stärker ausgeprägt und halten länger an, können sie auf eine saisonal abhängige Depression hinweisen.
Was ist eine saisonal abhängige Depression?
Die saisonal abhängige Depression, häufig auch Winterdepression genannt, ist eine Form der Depression, die zu bestimmten Zeiten des Jahres auftritt. Meist beginnen die Beschwerden im Herbst oder Winter und lassen im Frühling oder Sommer wieder nach. Seltener kann eine saisonale Depression auch während der Sommermonate auftreten.
Nicht jede gedrückte Stimmung an einem kalten Tag bedeutet automatisch eine Depression. Entscheidend ist, ob die Beschwerden über einen längeren Zeitraum bestehen, in einem wiederkehrenden saisonalen Muster auftreten und den Alltag, die Beziehungen oder die Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen.
Warum beeinflussen uns die kürzer werdenden Tage?
Die genauen Ursachen der saisonal abhängigen Depression sind noch nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass das geringere Tageslicht im Herbst und Winter die innere Uhr unseres Körpers – den sogenannten zirkadianen Rhythmus – beeinflussen kann. Die veränderten Lichtverhältnisse können sich außerdem auf Melatonin, das an der Steuerung des Schlafs beteiligt ist, sowie auf das mit der Stimmung verbundene Serotoninsystem auswirken.
Antriebslosigkeit ist deshalb nicht zwangsläufig ein Zeichen von „Willensschwäche“ oder „Faulheit“. Manchmal versuchen Körper und Psyche, sich an die veränderten Licht- und Schlafbedingungen anzupassen.
Welche Symptome können auftreten?
Eine saisonal abhängige Depression zeigt sich nicht bei jedem Menschen auf die gleiche Weise. Zu den häufigen Anzeichen gehören:
- eine gedrückte, leere oder unruhige Stimmung über weite Teile des Tages
- der Verlust von Interesse oder Freude an Dingen, die früher gern gemacht wurden
- Energiemangel und anhaltende Müdigkeit
- ein erhöhtes Schlafbedürfnis und Schwierigkeiten beim Aufstehen
- gesteigerter Appetit und ein verstärktes Verlangen nach kohlenhydratreichen oder süßen Lebensmitteln
- Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Entscheidungen zu treffen oder Aufgaben zu erledigen
- das Bedürfnis, sich aus dem sozialen Leben zurückzuziehen
- Gefühle von Wertlosigkeit, Schuld oder Hoffnungslosigkeit
Manche Menschen würden ihre Beschwerden selbst nicht als „Depression“ bezeichnen. Stattdessen sagen sie vielleicht: „Der Tag ist schon wieder so schnell vorbei“, „Ich schaffe überhaupt nichts“ oder „Ich kann mich zu nichts aufraffen“. Wenn sich hinter solchen Sätzen eine länger anhaltende Belastung verbirgt, sollte sie ernst genommen werden.
Wie können wir uns selbst unterstützen?
Kleine, langfristig umsetzbare Veränderungen können dabei helfen, ausgeglichener durch die dunklere Jahreszeit zu kommen:
Tageslicht nutzen. Versuchen Sie, besonders am Vormittag oder in der Mittagszeit nach draußen zu gehen. Selbst an einem bewölkten Tag ist das Licht im Freien meist deutlich intensiver als in geschlossenen Räumen.
Auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus achten. Jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit schlafen zu gehen und aufzustehen, kann die innere Uhr unterstützen. Mehr Schlaf führt nicht automatisch dazu, dass man sich erholter fühlt.
Bewegung nicht unterschätzen. Schon ein kurzer Spaziergang ist besser als gar keine Bewegung. Es geht nicht um ein perfektes Trainingsprogramm, sondern darum, den Körper regelmäßig in Bewegung zu bringen.
Den Tag überschaubar gestalten. Bei geringer Energie können lange Aufgabenlisten zusätzlich belasten. Nehmen Sie sich statt „alles erledigen zu müssen“ lieber ein oder zwei realistische Ziele für den Tag vor.
Mit anderen in Verbindung bleiben. Ein kurzes Telefonat, ein gemeinsamer Spaziergang oder eine kleine Verabredung können der zunehmenden Isolation entgegenwirken – auch wenn Ihnen im ersten Moment nicht danach ist.
Diese Maßnahmen können unterstützen, ersetzen jedoch keine professionelle Untersuchung oder Behandlung. Zur Behandlung einer saisonal abhängigen Depression können Psychotherapie, ärztlich verordnete Medikamente und in bestimmten Fällen eine Lichttherapie eingesetzt werden. Da eine Lichttherapie nicht für alle Menschen geeignet ist, sollte sie insbesondere bei Augenerkrankungen oder bei der Einnahme von Medikamenten, die die Lichtempfindlichkeit erhöhen, nicht ohne ärztliche Rücksprache begonnen werden.
Wann sollte professionelle Hilfe gesucht werden?
Wenn die gedrückte Stimmung mehrere Tage anhält, die Freude am Leben deutlich abnimmt oder Schlaf, Appetit, Arbeit und Beziehungen beeinträchtigt sind, ist es wichtig, sich an eine psychologische, psychiatrische oder ärztliche Fachperson zu wenden. Es kann außerdem hilfreich sein, Veränderungen zu notieren, die jedes Jahr in denselben Monaten wiederkehren. Dies erleichtert die professionelle Einschätzung.
Wenn Sie daran denken, sich selbst etwas anzutun, oder das Gefühl haben, nicht mehr leben zu wollen, bleiben Sie bitte nicht allein. Wenden Sie sich an eine vertraute Person und rufen Sie in Deutschland den Rettungsdienst unter 112 oder begeben Sie sich in die nächstgelegene Notaufnahme.
Dass unsere Stimmung mit den Jahreszeiten schwankt, kann ein Teil des Menschseins sein. Doch niemand muss sich jedes Jahr aufs Neue in derselben Dunkelheit verlieren. Manchmal beginnt der Weg zur Besserung damit, das eigene Erleben benennen zu können und sich zu sagen: „Ich muss das nicht allein tragen.“
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt weder eine Diagnose noch eine professionelle Behandlung.
Quellen: National Institute of Mental Health (NIMH), NHS, Mayo Clinic

